Mittwoch, 8. Mai 2013

Pinguine, Fisch und Kommunisten


Es ist ein wunderschöner Tag im Mittsommer. Zusammen mit deinen Freunden lässt du es dir am Strand bei 30° im Schatten gut gehen und versuchst zumindest ein bisschen an deinem Teint zu arbeiten. Entspannt beobachtest du von deinem Handtuch aus das muntere Treiben um dich herum - die Einheimischen, wie sie versuchen allerlei an Produkten zu verkaufen; deine Freunde, wie sie das neue Beachball-Set einweihen und die Pinguine, wie sie fleißig von ihrem Felsen aus ins Meer springen um auf Jagd zu gehen…Moment mal, Pinguine? 30°C…Sommer? Irgendetwas stimmt hier nicht!

Tut es wohl! Den chilenischen Magellan-Pinguin und seinen fast kaum unterscheidbaren Artgenossen - den Humboldt-Pinguin - findet man in seiner Brutzeit zwischen Februar und Juli nämlich an der kompletten südamerikanischen Westküste sogar hoch bis nach Perú!

Nahe der chilenischen Stadt "Ancud", im Norden der Insel, gibt es ebenfalls eine große Kolonie jener fantastischen kleinen Vögel, die wir uns natürlich auf keinen Fall entgehen lassen wollten!

So ging es relativ früh am Morgen diesmal mit einem ordentlichen Reisebus in das 1 1/2 Stunden entfernte "Ancud". Direkt am Busterminal fanden wir eine Agentur, die für umgerechnet 20 € Touren zum Pinguin-Strand "Puñihuil" veranstalteten. Problem hierbei: Um die Pinguine auf ihren Felsen sehen zu können, müsse man die Ebbe abwarten...jene war in dieser Woche am späten Nachmittag gegen 16:00! Im Klartext hieß das: 5 Stunden Zeit totschlagen in Ancud.

Nummer 1 Anlaufpunkt - ihr könnt es euch inzwischen ja wohl denken - war also mal wieder der "Plaza de Armas". Hier findet man unter Anderem eine Touristen-Information, die wir bitter benötigten, um unsere lange Freizeits-Periode mit interessanten Dingen abzudecken.


"Plaza de Armas zu Ancud mit einer Statur der mystischen Götter Ten-Ten Vilu und Cai-Cai Vilu"

Zusammen mit zwei Mädchen, die wie wir auf die Pinguin-Tour warten mussten, besuchten wir zuerst die einzige moderne Kirche Chiloés, die nach dem Erdbeben von 1960 (dem bisher stärksten gemessenen der Erdgeschichte) komplett neu errichtet wurde.


Direkt nebenan befand sich das "Museum der chilotischen Geschichte", welches wir uns natürlich auch nicht entgehen lassen wollten. Ich bin jedoch nicht der große Erzähl-Bär, also müsst ihr euch bei Interesse selbst den Wikipedia-Artikel durchlesen. Ein paar interessante Dinge, die wir dort entdeckten werde ich trotzdem mit euch teilen:


"Malerische Darstellung von Ten-Ten Vilu und Cai-Cai Vilu..."


"...das Skelett eines vor ein paar Jahren gestrandeten Blauwales..."


"...eine Replika des Schiffes, mit dem Magellan 1520 die südliche Patagonia erkundete..."


"...Überreste der spanischen Besetzung..."


"...und das Panorama hinein in die Bucht von Ancud."

Alsbald meldeten sich unsere Mägen und nachdem wir kurz über den sehr modernen und neu aufgemachten Souvenir-Markt geschlendert waren, machten wir es uns in einem Fisch-Restaurant gemütlich. Mein Lachsfilet mit Krabbensoße und Kartoffelpuffer war ein Genuss!


Ich wünschte ich könnte euch inzwischen etwas Lustiges oder Schräges über die Chiloten erzählen doch - Pustekuchen! Leider findet man vor Allem im Sommer auf Grund der vielen Touristen so viel pures kulturelles Ambiente wie im Bierkönig auf Malle - nämlich gar keins.

Nach einer kleinen Erkundungstour entlang der Buchtpromenade war es endlich soweit und wir stiegen in den Bus Richtung "Pingüinera" (übersetzt: die Pinguinerei).





"Los geht's!"

Rund 45 Minuten dauerte die fand hin zu einem wunderbar paradiesischen gelben Sandstrand am Rande einer knapp 30m in die Höhe ragenden Steilküste. Leider trübte der Anblick der vielen Reisebusse und Autos, die notdürftig direkt am Strand geparkt waren, etwas die Aussicht. In Sachen "das Auge isst mit" haben die Chilenen definitiv in mehreren Belangen noch viel zu lernen!



Rein in die knallorangenen Rettungswesten und das etwas wacklige Motorboot waren wir mit rund 20 anderen Touristen startklar für ein pinguinisches Abenteuer. Mit dabei natürlich auch wieder der ein oder andere Kandidat mit Halskanone Marke "Nikon" - frage mich bis heute wie es sich Leute antun können diese unhandlichen knapp 3 Kilo schweren Profikameras mitzuschleppen. Ich bleibe da lieber bei einer einigermaßen guten Digicam, die mit 500g Gewicht auch noch gut in der Hand liegt - und super Fotos schießt. Wie zum Beispiel diese:


"Ein erster Blick auf die Kollegen vom Dienst..."


"...die ungefähr 500m vor der Küste hausen..."


"...und ihre Neugeborenen mit frisch-gefangenem Fisch füttern."


"Die sich im Fellwechsel befindenden grauen Neugeborenen müssen nämlich knapp 20 Tage ohne Tauchgang aushalten, während..."


"...es sich dieser bronzene Kollege auf dem Nachbarfelsen in der Abendsonne gemütlich macht..."


"...und schließlich versucht dem weiblichem Publikum auf unserem Boot zu imponieren."


"Auswirkungen des Erdbebens 1960 - diese zwei Felsen waren mal eins!"

Das erste Mal Pinguine in freier Wildbahn - Wow, was für eine Erfahrung! Die knappe Stunde konnte nicht langsam genug vorbeigehen, denn ich kam gar nicht mehr aus dem Staunen über diese wunderbar lustigen Geschöpfe. Abschied mussten wir trotzdem nehmen und man schenkte uns bis zur Abfahrt zurück zum Terminal noch eine entspannte halbe Stunde an besagtem Strand. 

Am späten Abend wieder in Castro angekommen, entschieden wir uns zum Abschied der zwei Frauen, mit denen wir zusammen auf Quinchao waren und eine freundliche Bekanntschaft entwickelt hatten, erneut das chilotische Nachtleben unsicher zu machen. Es schloss sich noch ein Paar aus Concepción an, dessen männlicher Teil - ach, ist die Welt doch so klein - überraschenderweise ein Arbeitskollege von unserem Mit-Freiwilligen Jakob ist!

Die unglaubliche Auswahl von zwei Restobars hatten wir also an besagtem Dienstagabend. Wir entschieden uns zuerst für eine, auf den ersten Blick eher ausladende, Rocker-Bar, die sich am Ende jedoch als sehr amüsant herausstellte - woran wahrscheinlich auch die hochprozentige Flüssignahrung Schuld hatte. Ein wenig später testeten wir auch noch Bar Numero 2 - und zack! - da fiel mir doch noch eine schräge Begebenheit in die Hände.

Am Spielen war eine Live-Band, die aus 4 Männern im etwas besseren Alter bestand. Der Sänger, ein schlaksiger Herr von kleiner Statur mit einem Weihnachtsmann-Bart und Kommi-Stern-Mütze auf dem Kopf, war der auffälligste der ulkigen Gruppe. Es verging nicht viel Zeit und jenem Herren fiel auf, dass in seinem erhabenen 15-Mann-starken Publikum zwei blonde Kreaturen Platz genommen hatten. Sofort die Frage: "Ach nein, wo kommt ihr zwei Putzigen denn her?" - es lief mir kalt den Rücken runter. Ich wusste genau, was mich erwarten würde, wenn ich diesem Señor, der roter zu sein schien als die Flagge auf Stalins Grab, erzählen würde, dass ich Deutscher sei.

Natürlich war wie sooft mein Mundwerk schneller im Ziel als mein Gehirn und seine Gesichtszüge weiteten sich: "Ooooh, Deutsche!"...und schon ging es los: "Damals haben wir regelmäßig in Ost-Berlin gespielt und die Revolution besungen...bla, bla, bla"..und beendete seine Predigt wie folgt: "Für meine zugereisten Freunde aus der ehemaligen DDR spielen wir nun das Lied "Lutz, el espía", die Geschichte eines kommunistischen Spions in West-Berlin." 

Also trällerte eben dieser Fidel Castro für Arme ein Lied auf die traurige Geschichte des Spions Lutz, der für die "gute Sache" in West-Berlin auf mysteriöse Weise starb, während ich halb apathisch an meinem Drink nuckelte. Um euch vorstellen zu können wie unwohl ich mich in dieser Situation als bekennender Kapitalist gefühlt habe, stellt euch das kleine Schweinchen vor, dass sich zufällig im Schlachterhof verlaufen hat.

Anscheinend war diese Band jedoch nicht als Hintergrundmusik engagiert, und als unsere chilenische Gesellschaft während des Liedes zu laut wurde, Che Guevara es sogar unterbrach und uns bat uns in Ehren des lieben Lutz' doch bitte LEISE zu verhalten, war das Fass für mich endgültig übergelaufen und wir wechselten nach diesem kurzen Intermedley, Gott sei Dank, wieder in die Rocker-Bar, wo der Abend erst ein spätes Ende fand...

Un abrazo,

Niclas

Dienstag, 7. Mai 2013

Idylle at last!

Endlose Strände, tiefstes Dickicht und die schönsten Wälder, die man sich überhaupt vorstellen kann - so wurde mir Chiloé von Freunden beschrieben, die sich schon vor uns auf dieses kleine Inselchen gewagt hatten. Immerhin ist Chiloé laut einer Liste des "National Geographic" an dritter Stelle der "101 Inselparadiese der Welt".

Hatten wir uns schlichtweg verfahren und waren auf einer anderen Insel gelandet? Hatte Gott das schöne Chiloé schnurstracks durch eine hässlichere Version ausgetauscht nur um mich zu ärgern?
Zumindest waren die Eindrücke, die ich in den ersten Tagen gesammelt hatte, keineswegs die eines paradiesischen Eilands mit Verzauberungs-Charakter. Heute sollte sich dies ändern - hoffentlich.

Während die östliche Seite der Insel das Archipel beherbergt und von ruhigerer Natur sein soll, soll im Westen, an der Pazifikküste, die wildere Seite zum Vorschein kommen. Hier liegt unter Anderem auch der "Nationalpark Chiloé", welchen wir uns als Ziel für diesen Tag ausgesucht hatten.

Früh morgens ging es also mit dem Minibus in das knapp 1 1/2 Stunden entfernte "Cucao". Dieses verschlafene 20-Seelen-Dorf liegt direkt an der Küste und neben einem großen Campingplatz, an dem es sich mehrere Familien für den Sommer gemütlich gemacht hatten.


Die 3 € Parkgebühr bezahlt ging es auch schon hinein in das Entdeckungsvergnügen. Der Nationalpark bietet zwei Erkundungspfade. Einen um den chilotischen Wald besser kennenzulernen und ein anderer hinunter an den Strand. Wir entschieden uns zuerst den Wald zu examinieren - immerhin entsprangen aus ihm die meisten Ureinwohner-Mythen und Legenden. Außerdem ist er das Zuhause de Pudú - dem kleinsten Reh der Welt!

Vorbei kamen wir zuerst an einem Aussichtspunkt über den größten und einzigen See der Insel - den "Lago Cucao". Nichtmal der bewölkte Himmel konnte die erste geniale Sicht über das Innenleben Chiloés trüben - wunderschön!





Ein hölzener Pfad führte uns weiter hinein in das Innenleben des Waldes. Wie immer - Ich bin nicht der Typ dafür euch zu beschreiben, was man in einem Wald ach so tolles entdecken kann...seht selbst! 





"Ein Pudú bekamen wir leider nicht zu Gesicht..."


Der unberührte, von tiefem Dickicht gezeichnete Wald war jedoch eine willkommene Abwechslung zu den europäischen Wäldern, die unsereins aus Deutschland so gewohnt ist. Um ehrlich zu sein, konnte man sich sogar bildlich vorstellen, wie die Ureinwohner ihre Mythen aus diesem Wald zogen - er hatte eine ganz besondere, fast magische Anziehungskraft!

Wir hatten Glück und der Himmel über Chiloé klärte zum Mittag endlich auf. Perfekt getimt war das, um sich auf den zweiten Pfad in Richtung Dünen-Aussichtspunkt und schließlich Strand zu begeben. Aufgrund der Empfehlung eines chilenischen Ehepaares hatten wir den ganzen Tag für die Pfade vollgeplant. Es stellte sich schließlich heraus, dass wir auch in normalem Erkundungstempo beide Pfade in knapp 1 1/2 Stunden hinter uns brachten - ich wusste ich konnte einem übergewichtigem, chilenischem Ehepaar nicht bei der Zeiteinschätzung vertrauen - verdammt!

Nichtsdestotrotz empfingen uns die ersten Sonnenstrahlen des Tages beim Blick über die gewaltige Dünen- und Strandlandschaft, die sich vor uns auftat - da war es endlich: das wahre Chiloé!




Ein sandiger Pfad führte uns herunter über die Dünen zum Strand. Wir befanden uns nun auf einem breiten, so gut wie verlassenen, kilometerlangen Küstenstrich. Der aufgewirbelte Saum, der dem Strand eine neblige Atmosphäre bescherte, bestätigte nun endgültig die Lobeshymnen auf die Mystik, die Chiloé umgeben soll. Ich beschenkte mich mit einem kleinen Nickerchen bei herrlichem Meeresrauschen für die morgendlichen Wander-Strapazen.




Da es ansonsten jedoch in "Cucao" recht wenig zu sehen gab, entschlossen wir uns, nachdem wir den Tag am Strand ausgiebig genossen hatten, wieder die Heimreise nach Castro anzutreten. Einen entspannten Nachmittag inklusive leckerem Kochen musste man sich schließlich auch mal gönnen! ;-)

Un abrazo,

Niclas


Montag, 6. Mai 2013

Achao!

Massentourismus - allein bei dem Wort läuft es mir schon kalt den Rücken herunter. Klar, vor allem wir Deutschen lieben ihn - den preiswerten, warmen und leberschädigenden Wochenausflug in's 17. Bundesland "Balearien". Beim besten Willen, könnte ich mir heutzutage kulturelle Ohrfeigen an unsere spanische Freunde wie die "Schinkenstraße" nur in absolut benebeltem Zustand antun - aber das ist man dort ja sowieso.

Seitdem ich das Backpacken für mich entdeckt habe gelten für mich andere Werte: In entlegenere, unbekanntere Gebiete vordzuringen, interessante Leute kennenzulernen (und nicht Siggi aus Castrop-Rauxel), gemeinsam zu entdecken und über die Schönheit und Diversität unseres Planeten zu staunen.

Unter diesem Stern sollte auch der heutige Ausflug hinein ins chilotische Insel-Archipel stehen. Noch wenig wusste ich davon, was mich am späten Nachmittag erwarten sollte...aber von Anfang an:

Die nur kurze warme Sommerzeit wird auf Chiloé generell gründlich ausgenutzt. Den ganzen Februar werden auf den verschiedensten kleinen Teilen der Inselgruppe Volksfeste veranstaltet. Ein jenes sollte auch diesen Sonntag auf dem kleinen Eiland "Quinchao" in dessen Hauptstadt "Achao" stattfinden. Mit zwei anderen Frauen, die wir am Vorabend kennengelernt hatten, ging es mit dem Bummelbus also auf Reise durch's Archipel. 

Nach dem Übersetzen mit der Fähre (diesmal nur knappe 2 Minuten) begrüßte uns alsbald das Ortsschild Achaos, an welchem wir den Bus verließen um die bombastische Sicht über die Stadt, das Archipel und im Hintergrund die Andenkordillere zu genießen.




Ein etwas ausgetretener Pfad führte uns vom Hügel hinab hinein in das 3000 Seelen-Dorf. Bevor wir uns jedoch in die wütende Feier-Menge stürzen wollten, entschieden wir uns zuerst einen kleinen Abstecher zum Strand zu machen.


"Der Pfad,..."


"...Vorfahrt gewähren! auch auf Chiloé..."


"...der Strand bei Ebbe..."


"...und meine Wenigkeit mittendrin!"

Langsam aber sicher fragten wir uns durch das kleine Dörfchen in Richtung Volksfest. Vorbei kamen wir hierbei unter anderem am universell chilenischen "Plaza de Armas" der Stadt mit einer weiteren, prächtigen Holzbau-Kirche - auch eine der Weltkulturerbe-Kirchen des chilotischen Archipels.




Leider war der Zutritt zu diesem imposanten Bauwerk für das allgemeine Fußvolk an diesem Tag verboten - sehr komisch für einen Sonntagnachmittag!

Wir gelangen schließlich auf das kleine, aber durchaus feine Festchen, dass direkt hinter dem Busterminal auf einem offenen Kiesgelände veranstaltet wurde. Der Geruch von leckerem, saftigem, gegrilltem Fleisch kitzelte sofort meinen Geruchsnerv - dies war ein Fest zu Ehren des sagenhaften Chiloé-Lammes (ich nenne es mal so)!

Wo das Auge hinblickte saßen also rustikale Chiloten an langen Holzspießen, auf denen die kleinen Schäfchen munter herumbrutzelten. 



Wer jedoch ein kulturelles Fest unter Einheimischen erwartet hatte - so wie meine naive Wenigkeit - wurde schnurstracks von einem fetten amerikanischem Tourist aus seinem Wunschdenken gerissen, der die Tonverarbeitungs-Darbietung einer Chilotin mit "Haha, looks like she's processing her own freakin' excrements" kommentierte - der Preis der ignorantesten Touristen geht (bis jetzt) zuerst einmal an meine Freunde aus dem "Land of the Free".

Wir fanden einen Sitzplatz und bestellten 4 Lammteller und ein paar Bier. Die knapp 1 Stunde Wartezeit wurde von meinem kleinen gegrillten Freund jedoch bestens entlohnt - köstlichste Cuisine!


Nach dem köstlichen Schmauß begann, wie man an der anströmenden Menge an Touristen bemerken konnte, im Hintergrund eine weitere traditionelle Darbietung. Dieses Mal wurden gepflückte Äpfel in einem antiken "Apfel-Wolf" gemahlen, damit sie später für die traditionell chilenische "Chicha" benutzt werden können (Wein-Bowle: Weißwein mit Apfelstückchen). 

Über ein großes Rad, das von zwei Einheimischen betätigt wurde, war ein Seil gespannt, das die Mahl-Maschinerie am anderen Ende in Bewegung brachte. Mein persönliches Highlight war jedoch die gesichtsausdruckslose alte Chilotin, die wie apathisch einen Sack Äpfel nach dem anderen geübt in den "Apfel-Wolf" kippte - aber naja, ich würde auch so gucken, wenn ich jeden Tag dumme Amerikaner entertainen müsste, die mir danach noch ganz verblüfft erzählen würden, dass man Apfelsaft in den USA ja ganz einfach im Wal-Mart kaufen kann...




Wir machten uns danach wortwörtlich "vom Acker" und wollten die sehr angenehme Sonne noch bei einem Bierchen am Strand genießen. Gesagt, getan kamen wir 10 Minuten später mit etwas flüssigem Proviant an den stadteigenen weißen Sandstrand...und ich konnte meinen Augen und Ohren kaum glauben!

In Sekunden zerstörte sich mein Bild der chilotischen Idylle: Bierdosen, Plastik, Papier - Müllhalde traf die Beschreibung dieses "Strandes" besser als dessen karibische Norm-Vorbilder. Überall wimmelte es von besoffenen Personen, die es sich unter dem Steg als Schlafplatz gemütlich gemacht hatten - es wurde auf höchstem Niveau gepöbelt und die restlichen Leute bestmöglich belästigt.

Diagnose positiv - dieser Ort war von chilenischen "Mochilenos" befallen. "Mochilenos" sind meistens Obdachlose, die auf der Suche nach Arbeit per Anhalter durch das ganze Land fahren; jedoch gibt es auch die negative Form des "Saison-Mochilenen" - und diesen Strand hatte es ganz schlimm erwischt. Meine Toleranzgrenze ist seit diesem Jahr stark gestiegen, vor Allem weil ich ja genau mit diesen Menschen arbeite. Das Gastspiel, das jedoch die "revolutionäre Jugend" hier auf Quinchao abgab, war absolut unterstes Niveau. Schade, dass genau diese Leute die Protestbemühungen der gebildeten Chilenen negativ beeinflussen - indem sie ständig negativ auffallen; Sei es so wie auf Quinchao oder als Aggressor bei friedlich angelegten Märschen. Als Politiker oder ganz normaler Polizist würde ich diese unverschämten Ahnungslosen auch nicht für ganz voll nehmen.




Der Aufregung jedoch genug, immerhin hatte ich natürlich eh keine Chance gegen knapp 200 besoffene Rebellen. Es ging zurück zum kleinen Busterminal und per Fähre zurück auf die Hauptinsel - dabei half die Abendsonne einiges meinen inneren Wutanfall ein bisschen zu stillen.



Hoffentlich würde der nächste Tag wieder ein Chiloé-Tag werden; das heißt Idylle, Landschaft und menschliche Freundlichkeit!

Un abrazo,

Niclas

Mittwoch, 1. Mai 2013

Chiloé!

Ob Feen, Kobolde oder Einhörner; Zentauren, Medusa oder Zyklopen - Ob germanische, griechische oder römische: Mythologie spielte im vorchristlichen Zeitalter des europäischen Raums eine wichtige Rolle im alltäglichen Leben.

Nun sind diese Zeiten längst vergessen und auch die Spanier, die Ende des 18. Jahrhunderts Großteile des heutigen Chiles besaßen, brachten den monotheistischen Katholizismus anstatt der längst vergessenen polytheistischen Religionen auf den Südamerikanischen Kontinent. 

Nichtsdestotrotz scheint es, dass die Begeisterung der Menschen, unwirkliche Aberglauben der indigenen Bevölkerung zu übernehmen und sie sogar fürchten zu lernen, sogar noch im 20. Jahrhundert bestand. 

Chiloé - die zweitgrößte Insel Südamerikas (nach Feuerland) und letztes wirkliches Anzeichen von Zivilisation vor den endlosen Weiten der chilenischen "Australstraße"lockt bis heute, aufgrund der "Mystik" die jene Insel umgeben soll, tausende von Touristen auf dieses knapp 10.000 Quadratkilometer großes Fleckchen Erde. 

Da die Hafenstadt "Puerto Montt", von der wir am 8. Februar aus eine Fähre in den Süden nehmen sollten, nur etwa 3 Busstunden von Chiloés Hauptstadt "Castro" entfernt liegt, entschieden Maike und Ich uns, die Woche vorher diese Insel mal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Spät abends, pünktlich zum 1. Februar (unserem ersten Ferientag), ging es somit mit dem Bus auf die knapp 12 Stunden lange Fahrt von Talca über "Los Àngeles", "Temuco" und "Osorno" nach "Puerto Montt" - mit dabei: unsere prall gefüllten Rucksäcke, die unser komplettes Hab und Gut für 5 Wochen Dauerreise beherbergten.


Die genau 20 Minuten Aufenthalt, die wir in "Puerto Montt" hatten, bevor wir in den nächsten Bus nach "Castro" umstiegen, nutzten wir, um uns kurz die Bucht, die direkt neben dem Busterminal gelegen ist, anzuschauen und zu frühstücken.

Das erste Highlight des noch jungen Urlaubs lies nicht lange auf sich warten - nach knapp 2 Stunden Fahrt setzten wir die 10km zwischen Festland und der chilotischen Stadt "Ancud" per Fähre über.




Lange konnten wir unseren genialen Platz an der Reling jedoch nicht verteidigen. Die Idylle mit perfektem Blick auf die Meeresenge zwischen Kontinent und Insel und bereits vereinzelten Pinguinen, wurde jäh von einer chilenischen Großfamilie gestört. Wenn man in Chile reist muss man nämlich eines wissen: Urlaubsfotos sind den Chilenen heiliger als die Mutter Maria oder Avocadocreme auf dem Frühstückstisch.

Noch schlimmer ist jedoch, dass von fast jedem Ereignis, das dem Vorstadt-Chilenen als "unglaublich lebenseinmalig" (und davon gibt es komischerweise verdammt viele) erscheint, ein Fotomassaker Marke "Internationales Top-Model-Shooting" veranstaltet werden muss. Die letzten 20 Minuten der Überfahrt mussten wir also in eine Ecke gequetscht zuschauen, wie sich nach der Familie Mutter und Tochter laut kichernd in verschiedenen Posen mit der Fähre, dem Wasser, den Pinguinen, dem Himmel, dem Kapitän, dem Festland, der Insel, mir und Maike, der rostigen Schraube in der Reling, den Bussen, dem Klo und anderen unfassbar spannenden Artefakten ablichten mussten.

In Ancud angekommen, ging es weitere 100km auf dem letzten Teilstück der "Panamericana" (der Straße, die von Alaska bis eben nach Castro auf Chiloé führt) in die 30.000 Mann starke Hauptstadt der Insel. Nachdem wir uns am Terminal durch die abertausend Menschen kämpften mussten, die versuchten dir eine Nacht in ihrem Hostel aufzuschwätzen, nahmen wir uns ein Taxi in Unseres, welches wir bereits im Voraus gebucht hatten.

Louis, der nette und zuvorkommende Besitzer der Herberge, zeigte uns kurz alle wichtigen Ecken des wunderbar ausgestatteten Gästehauses, bevor wir eine erste Erkundungstour durch Castro starteten.

Die Stadt selbst ist nicht groß, und so waren wir schnurstracks am Plaza und der ersten chilotischen Kirche, die wie 5 andere im Inselarchipel Weltkulturerbe sind.


"Die Hauptstraße Castros..."


"...der Eingang zur Plaza de Armas..."


"...der Brunnen inmitten der Plaza..."


"...die berühmteste der chilotischen Kirchen, sie wurde vor kurzem renoviert und mit witterungsfester Farbe bemalt..."


"...ihr hölzernes Innenleben ist nicht weniger imposant!"

Einen kleinen Spaziergang zum Hafen ließen wir uns auch nicht nehmen, womit wir einen ersten Eindruck vom Fischerei- und Touristeneinfluss auf die Insel machen konnten.


"Eine Touristen-Fähre liegt in Castro am Kai"


Dem leckeren selbstgemachtem Abendessen folgte ein Gang in die "Bargasse" der Stadt. Hier findet man sage und schreibe 4 Bars und eine Discothek. Obwohl es ein Samstagabend war, hatte Castro nicht sonderlich viel zu bieten. Wir entschieden uns so nach ein paar Bier lieber zurück ins Hostel zu schlendern und uns für den folgenden Tag auszuruhen.

Un abrazo,

Niclas