Freitag, 19. April 2013

Dschungelfieber

Wenn es sie tatsächlich geben sollte, welche ist wohl die sanfteste und schönste Art für euch geweckt zu werden? Wenn es für mich eine gibt, dann ist es definitiv das Rauschen des Meeres. Nicht um euch neidisch zu machen oder so, aber die morgendliche Geräuschkulisse in unserem Hotelzimmer war mindestens 5-Sterne-würdig. So fiel es auch nicht sonderlich schwer sich unter die kalte und wasser-arme Dusche zu quälen.

Das leckere Frühstück inklusive selbstgemachtem Brot und allen möglichen Sorten an Honig und Marmelade im Magen, ging es für uns auf die erste Erkundungstour der Insel auf eigene Faust. Von unserem Hotel aus hatten wir uns überlegt, einfach mal Richtung Norden loszuschlendern.

An einer kleinen Dünen-Landschaft vorbeigekommen, eröffnete sich uns nach einer knappen halben Stunde ein riesiger, ellenlanger, verlassener Strand an dem nur vereinzelt Menschen "Cochayuyo" einsammelten. "Cocha-" was? Keine Angst, die selbe Frage musste ich mir auch erst einmal stellen! Es handelt sich hierbei um eine Alge, die eine sehr beliebte Zutat für chilenische Meeresfrüchte-Suppen ist. Im Sommer, wenn diese Alge vor der Küste auflagert, zieht es ganze "Sammler-Familien" an die Küste um sich während der Ferienmonate ein bisschen extra "Plata" (chilenisches Umgangs-Wort für Geld) in die Tasche stecken zu können. Hier ein paar Impressionen:





Auf dem Rückweg begegnete uns auch noch die fast ausgestorbene und äußerst seltene Spezies der "Vacca litoris" (Strandkuh) - Achtung, Ironie!



Nach dem Mittagessen stand die Hauptattraktion des heutigen Tages an. Zusammen mit Julio und den anderen Hotelgästen ging es im Jeep auf die andere Inselseite um dort zunächst die einzige wirkliche Ansammlung an Häusern der Insel zu besichtigen, die man als "Siedlung" bezeichnen könnte. Bis heute hat sie noch keinen offiziellen Namen aber es gibt doch tatsächlich eine Polizeizentrale auf der "Hauptstraße". Nach der kurzen Besichtigungstour und einem kleinen Einkauf im einzigen Laden der Insel, wurden wir zum Eingang des "Parque Nacional Isla Mocha" gebracht. Dieser Nationalpark ist in der Hinsicht besonders, da er den wohl ältesten indigenen Wald Südamerikas beherbergt. Wie eine riesige Kuppel erhebt sich dieser nämlich auf einem Berg, der urplötzlich etwa 200m vom Strand entfernt in die Höhe schießt.

Für den Rundweg von etwa 4 Stunden sollten wir uns ein bisschen extra-Zeit lassen um das ganze auch wirklich zu genießen. Nach der Anmeldung beim einzigen Ranger-Büro des Parkes (langweiligster Job der Weltgeschichte?!) ging es auch schon hinein ins Urwald-Vergnügen.



Und dieser Wald hatte wirklich seine Besonderheiten! Hier eine kleine Auswahl von Fotos, um euch ein bisschen die Stimmung zu vermitteln...


"tiefstes Dickicht..."


"eine kleine Lichtung..."


"ein versteinerter Frosch?..."


"wunderbare Aussichten auf die Küste..."


"große Stämme..."


"...und Lianen! Ein bisschen auf Tarzan zu machen war unvermeidbar..."


Nun, was soll ich euch groß von einem Wald erzählen? Stock und Stein, Baum und Tier...Apropos Tier, leider habe ich keine Fotografie, aber es verfolgte uns ein lokaler, auf der Insel endemischer Vogel mit unverkennbarem Lockruf während unserer kompletten Wanderung durch sein Zuhause - ein sehr netter Fremdenführer! Bei einer kurzen Pause in der einzigen großen Lichtung des Waldes (die normalerweise ein Teich war, nach dem Erdbeben jedoch ausgetrocknet ist) zeigte er sich sogar kurz.



Als wir gegen Abend auf der gegenüberliegenden Seite der Insel aus dem Wald kamen und die Sonne bereits Richtung Horizont steuerte, offenbarte sich uns ein wunderbarer Blick über die Westseite der Insel und die unendlichen Weiten des Pazifik. Immerhin konnte man von hier aus theoretisch bis nach Neuseeland gucken!





Am Fuße des Berges, in der Nähe des alten Leuchtturms wurden wir schließlich von Julio mit dem Jeep und einem Anhänger abgeholt. Was bei den vielen Schlaglöchern auf der Insel eigentlich eine gemeingefährliche Angelegenheit ist, ließ ich mir trotzdem nicht entgehen, setzte mich mit den anderen Gästen auf den klapprigen Holzanhänger und genoss die Fahrt zum Hotel mit der sich immer schneller senkenden Sonne im Hintergrund...




Un abrazo,

Niclas

Mittwoch, 17. April 2013

Treasure Island..

Seit der Zeit der großen Entdecker wie James Cook, Vasco da Gama oder Cristóbal Colón träumt die Menschheit vor allem in der Literatur von einsamen, verlassenen Inseln inmitten der 7 Weltmeere - vor Allem aber von verlorenen Schätzen, die irgendwo auf ihnen begraben sind.

So wie Jim Hawkins in Robert Louis Stevenson's weltberühmtem Roman "Die Schatzinsel" haben wir uns gefühlt, als es für uns auf die erste Reise der Sommerferien auf die ziemlich unbekannte "Isla Mocha" ging, die unmittelbar vor der chilenischen Küste im südlichen Pazifik liegt. Das Gespräch mit einem Chile-Kenner aus Talca, der uns die Insel als schönstes Inselparadies der Welt beschrieb, gewann unsere Neugier und erweckte unsere Abenteuerlust wie die Schatzkarte des Piraten Flint, die Hawkins dem alten Bones klaute.

Da wir uns jedoch nichtmehr im 19. Jahrhundert befinden - in welchem der Roman veröffentlich wurde - reisten wir gemütlich zuerst mit dem Bus nach Concepción. Die Hafenstadt und zweitgrößte Agglomeration Chiles ist das Drehkreuz für alle lokalen Busse in der 8. Region und außerdem das Zuhause unseres Mit-Freiwilligen Jakob.

Nach dem Einquartieren in unserem sehr familiären Hostel inklusive Stadtblick, ging es mit Jakob auf kurze Entdeckungstour durch das Zentrum von Concepción. Naja, eigentlich schauten wir uns nur schnell die Universität an und ließen uns schließlich in der Studentengasse in einer Bar nieder. Ein paar Bier später und dem Austausch der neuesten Neuigkeiten, ging es zurück ins Hostel und in's Bett - schließlich mussten wir für die Entdeckungsreise am folgenden Tag fit sein.


"Concepción bei Nacht"

Früh um 8 begann unser Tag am Busterminal, um den nur zwei Mal am Tag verkehrenden Transfer nach Tiúra - eine Stadt im Süden der 8. Region - wahrzunehmen. Da der Bus wie ein typisch deutscher Regio in jedem Kaff mit zwei Kühen hält, brauchten wir für die nur fast 150km lange Strecke ganze 4 Stunden. 

Angekommen in besagter Stadt, stand der spannendere Teil des Tages an: Da kaum Schiffe zur Insel pendeln, hat sich im Laufe der Zeit ein kleines Netz von 5-Mann Maschinen etabliert, das Bewohner, Touristen und Lebensmittel von und zur Insel transportiert.

Am kleinen Flugfeld hoch auf der Steilküste stiegen wir, unwissend wer uns nun auf das Eiland befördern würde, in den nächstbesten Flieger ein. Zusammen mit einer Inselbewohnerin nahmen wir auf unserem Gepäck im Stauraum Platz.



Mit der sich an meinen Arm klammernden Inselbewohnerin, die anscheinend ordentlich Flugangst hatte, genossen wir den unglaublich schönen Ausblick auf den chilenischen Kontinent und die 12 Flugminuten entfernte Pazifikinsel.



Alles konnte bei meinem Glück natürlich nicht nach Plan laufen. Mit typisch deutscher Hetzerei und Angst, zu spät am Flughafen angekommen zu sein, stiegen wir nämlich schnurstracks in den falschen Flieger ein; Das merkten wir jedoch erst, als uns der eigentliche Pilot vom Festland anrief - als wir schon auf der Insel waren - und der Andere darauf bestand von jedem von uns 25 Euro einzukassieren. Nach einem kurzen hin und her holte uns der Sohn des Herberge-Besitzers ab und klärte die Ungereimtheiten mit dem schmollenden Herrn im Plastikflieger - bezahlen mussten wir nie.


"Eine von zwei Landebahnen auf Mocha"

Zusammen mit Julio - so hieß nämlich besagter Sohn und Reiseführer für die nächsten Tage - machten wir uns über die sehr einfachen "Straßen" auf an's andere Ende der Insel, wo sich die kleine Hotelanlage inmitten eines selbst angelegten Wäldchens lag.

Unsere Sachen im sehr modernen Holzbau untergebracht und den Magen mit dem köstlichen und groß aufgetragenen Mittagessen zugeschlagen, ging es mit Julio direkt zum ersten "Point of Interest" auf der Insel - der "Faro viejo".

Dieser knapp 15m hohe Leuchtturm, der auf einem allein stehenden Felsenriff erbaut wurde, hatte es mir besonders angetan. Der Standort am einzigen wirklich weißen (und komplett verlassenen!) Sandstrand der Insel erzeugt zudem ein unglaubliches Gefühl von Einsamkeit und innerer Zufriedenheit. Ich ließ es mir zumindest erst einmal in den Dünen gut gehen:





Da wir uns auf einer kleinen Insel mit 800 Einwohnern, und obendrauf auch noch in Chile befanden, war es natürlich kein Problem, sich das alte Bauwerk mal von innen anzusehen. Entsprechend geniale Fotografien sind dadurch entstanden:





Wieder von Julio mit dem Jeep eingesammelt, ging es zu einem sehr speziellen Ort auf Mocha - den Gaslöchern. Hier haben wir ein kleines Beispiel dessen, was die Isla Mocha zu "Klein-Island" macht - nun ja, zumindest ohne Gletscher, Schnee und Geldproblemen...



Das leckere Abendessen, sowie der wunderschöne Sonnenuntergang am Felsenriff mit einer Flasche Wein rundeten den ersten Tag im Inselparadies erfolgreich ab. Zusammen mit Julio und den anderen Hotelgästen (6 an der Zahl) ließen wir später bei noch ein paar Gläsern rotes Tröpfchen den Tag endgültig ausklingen.

Mal sehen, ob wir morgen die verstecke Schatztruhe auftreiben können - Harrrrr!

Un abrazo,

Niclas

Donnerstag, 11. April 2013

Interessante Einblicke

Bildung - die meisten Leute verstehen unter diesem so weltbewegenden Begriff einen 10-Stunden-Tag in einem grauen Komplex in einem noch graueren Raum, mit 30 anderen Mitmenschen und einer tapferen Person die versucht, die "wissbegierigen" mittelreifen Jugendlichen über Chemie, Französisch oder Mathematik aufzuklären.

In den knapp zwei Jahren, die ich nun im Ausland verbracht habe, hat sich der Begriff der Bildung und des gebildeten Menschen für mich jedoch drastisch gewandelt. Es geht nicht mehr nur darum zu wissen was der Satz des Pythagoras ist, wie sich DNA vervielfacht, oder was der Hintergrund der Motive des Michael Kohlhaas' waren - ein gebildeter Mensch in unserer heutigen, globalen Zeit ist viel mehr derjenige, der es versteht tolerant, besonnen und zuvorkommen gegenüber jeder ihm womöglich begegnenden Person oder Kultur zu sein; ein Mensch der versteht warum Andere so sind wie sie sind, ihre Verhaltensweisen analysieren kann und gut mit ihnen harmoniert.

Wer diesen Weg zum "gebildeten Weltbürger" einschlägt hat mit diesem Ziel zwar sein ganzes Leben die Hände mit fremden "Vorlesungen", "Hausarbeiten" und "Prüfungen" voll zu tun, kann dabei jedoch Unmengen an wertvollen Erfahrungen für das Leben und den Umgang mit Anderen sammeln und schließlich als ein sicheres und offenes Individuum auftreten.

Den gleichen Pfad werden auch rund 60 chilenische Studenten nehmen, wenn sie im Sommer für ein Jahr nach Deutschland kommen. Da die Universität zu Talca einen sehr innigen Draht zur deutschen Kultur hat (frag' ich mich bis heute warum), wurden alle Deutschland-Auslandsjahr-Anwärter Chiles für 6 Wochen in meine schöne Stadt eingeladen.

Wir, die einen guten Draht zum DAAD-Büro vor Ort haben, wurden auch direkt in den ersten Wochen eingeladen, um den Neu-Deutschen einen kleinen Einblick in unsere Kultur zu geben und - natürlich - mit ihnen auch das ein oder andere Bier zu trinken (sie müssen sich schließlich dran gewöhnen, dass man bei uns mehr Gerstensaft als Wasser trinkt).

Interessanter wurde es, als wir von den 7 am weitesten fortgeschrittenen Schülern für eine Hausarbeit interviewt worden. Wir trafen uns eines Nachmittags an der Uni und wurden in teils gebrochenem, teils erstaunlich gutem Deutsch über die momentane Situation in unserem Land befragt. Hier kleine Ausschnitte der Arbeit, die sie mir haben zukommen lassen:


"Eine kleine Einführung zu meiner Person.."


"Ein Portrait des Interviews (ich bin rechts vorne).."



Neben diversen Zusammenkünften und Parties mit den "Deutsch-Chilenen" wurde es auch auf der Arbeit mal wieder interessant: Diesmal stand die Einweihung eines neuen sog. "Condominios" auf dem Plan. Diese umzäunte Siedlungen von knapp 30 Häusern sind erste Kinderschritte der Regierung, neben den privaten Organisation wie der "Hogar de Cristo" auch mal sozial aktiv zu werden - geleitet wird sie aber wohl trotzdem von uns.

Rund 30 ältere Herrschaften bekommen so eines dieser Häuser bis an ihr Lebensende zugesprochen. Sie haben einen Gemeinschaftsraum, eine Sozialarbeiterin vor Ort und alle anderen Dienstleistungen unserer Organisation (Psychologe, Begleitung falls notwendig etc.). 



An einem warmen Freitagnachmittag versammelten wir uns also zusammen mit den hohen Tieren der Regierung und Funktionären des "Hogar de Cristo" aus der Zentrale in Santiago in besagtem "Condominio", um die symbolische Schleife zu durchschneiden. Maike und Ich waren den ganzen Vormittag damit beauftragt, das Catering nach Vollendung der Zeremonie vorzubereiten und den Anweisungen eines wohl menstruierenden weiblichen Generals der Santiago-Delegation zu folgen.


"Unser wunderschön angelegter Selbstbedienungs-Tisch"

Die eigentliche Zeremonie war ein unerträgliches Lobreden und Klopfen auf die eigene Schulter der Regierungsgesandten aus der Moneda. Wie so vieles in diesem Land, wurde auch dieser Tag als "bahnbrechend" und "historisch für die Sozialarbeit in Chile" anerkannt und die Einweihung als "großes Zeichen gegen Armut" gewertet. Sie scheinen sich wohl noch nicht ganz von der Pinochet-Diktatur erholt zu haben - zumindest was die überschwenglichen Reden betrifft.




Nach der Seligsprechung der neuen Bewohner durch den Pfarrer und das filmreife Zerschneiden der Einweihungs-Schleife, waren alle Beteiligten auch erstaunlich schnell wieder in ihren Autos und auf dem Rückweg nach Santiago. An diesem Tag hatten sie wohl schon "genug Gutes" getan...






Ach, und fast hätte ich noch etwas wichtiges vergessen! Ich arbeite nun offiziell zwei Tage die Woche mit Obdachlosen. Nach einem langen hin und her bin ich nun Montags und Freitags von 18.00-21.00 in der sogenannten "Hospedería" um dort als Freiwilliger aktiv zu werden. Die Obdachlosen bekommen hier ein warmes Essen, ein Bett zum schlafen, einen Fernseher, und gute Unterhaltungen mit uns Voluntarios. Es gibt 15 feste 2-Jahres-Plätze für extreme Fälle, die zusätzlich vom "Hogar" betreut werden und 15 weitere Betten, die man für höchstens 10 Tage beanspruchen kann.

Mein erster Arbeitstag lief bereits sehr vielversprechend. Die erste Stunde mache ich den "Ingresso" - also notiere ich die Namen eines jeden, der die Hospedería betritt und sammle die 300 $ (50 Cent) ein, die die Übernachtung kostet. Wenn die meisten fertig gegessen haben setzen wir uns entweder mit ihnen in den Patio um Neuigkeiten auszutauschen oder gucken zusammen fern. Generell empfinde ich hier ein viel besseren Zusammenhalt innerhalb der Gruppe - ein Verhaltensmuster, dass ich bei den Rentnern sehr vermisse.

Auf der Straße wird mir wohl nun nichts mehr passieren. Meine Präsenz hat sich wie ein Lauffeuer unter den Obdachlosen herumgesprochen und an allen Ecken werde ich herzlich von den verschiedensten Leuten gegrüßt und umarmt - es macht einen riesen Spaß!

Un abrazo,

Niclas

Mittwoch, 3. April 2013

Geben und Nehmen..

Es ist einer dieser Tage - 35°C, die Sonne brennt durch das chilenische Ozonloch und lässt dich bei absolut trockener Atmosphäre fühlen wie ein am Strand langsam verendender Fisch, der mit letzter Kraft versucht zurück ins Wasser zu hüpfen.

Ich in meinem Fall habe Gott sei Dank zwei lange Beine anstatt Flossen und bin etwas schneller zurück an der Wasserquelle als der arme Fisch. Die Erfrischung im hauseigenen Pool von Maikes Gastfamilie kam somit mehr als einladend. Bei einem Schöfferhofer-Grape langsam auf einem Ring im Pool herumtreibend, ließ sich der brutal heiße chilenische Sommer definitiv ertragen.

Die aus der enormen Hitze resultierenden überaus angenehm milden Nächte machten sich auch diverse Party-Veranstalter zunutze, und so stieg in der zweiten Januarwoche ein riesiges Event namens "Open-Colbun" an gleichnamigem See. Wir besorgten uns VIP-Tickets für umgerechnet 25 Euro, die uns einen speziellen Bereich, freien Alkohol die ganze Nacht und freies Essen garantierten.

Mit einem Sammelbus ging es somit an besagtem Samstag gegen 22:00 vom Plaza in Talca aus in Richtung See. Dort angekommen mussten wir erst einmal feststellen, dass die Party nicht in unmittelbarer Nähe des Wassers, sondern in einer etwas weiter entfernten überdimensionalen Grube stattfinden sollte. Für uns war ein schnellerer Eintritt organisiert und so fanden wir uns auch direkt an der riesigen Bar, die erlaubte in unglaublicher Geschwindigkeit den Alkoholvorrat aufzufüllen. Ich werde nicht mehr von diesem Abend erwähnen, nur dass wir um 7 Uhr morgens zufrieden und schlafend im Bus zurück saßen. Auf dem Nachhauseweg sammelte mich freundlicherweise noch mein Friseur auf, der mich nach einem Morgen-Kaffee in seinem Haus noch nach Hause fuhr.

Auch auf der Arbeit wurde es nicht langweilig: Uns erreichte ein Anruf der Nachbarin von einem unserer "Opis" im Büro. Anscheinend war bei dem schwerhörigen und an Parkinson leidenden Don Ramón eingebrochen und sein Fernseher samt Handy gestohlen worden. Allein schon die Nachricht versetzt einen in Wut, wenn man sich überlegt, dass hier für Geld nicht mal vor Alten und Schwachen Halt gemacht wird.

Wir machten uns auf den Weg und fanden einen aufgebrachten Don Ramón in seiner Wohnung auf. Er erzählte uns, dass er nur kurz das Brot für das Abendessen kaufen war, als er auf dem Rückweg gerade noch seinen Nachbar aus der Wohnung über ihm aus seiner Tür huschen sah.

Der Fehler war schnell gefunden: Obwohl es Don Ramón selber nicht verstand, fanden wir heraus, dass er sein Fenster nicht verschlossen hatte und man so mit einem schnellen Griff ganz leicht den Türgriff von innen öffnen konnte - leichtes Spiel für den Dieb.

Meine Aufgabe war es nun mit ihm zur Polizei zu gehen und die nächsten juristischen Schritte zu planen; immerhin wusste Don Ramón ganz genau wer ihn bestohlen hatte. Die Euphorie wurde jedoch schnell gestoppt, als wir herausfinden mussten, das Anzeigen mit Selbstverschuldung als Bestandteil als Allerletztes behandelt werden und man somit ungefähr ein Jahr warten müsse. Schweren Herzens musste ich somit Don Ramón beibringen, dass er in nächster Zeit auf seinen Fernseher verzichten müsse - außerhalb des Programmes wahrscheinlich die letzte wirkliche Freizeitaktivität, die er alleine und ohne Einschränkung betreiben konnte...

Un abrazo,

Niclas

Dienstag, 2. April 2013

Guck mal, was ich habe!

Ich weiß schon was ihr denkt: Was treibt dieser Typ dort drüben eigentlich? Erst macht er sich für eine Woche vom Acker und danach kloppt er sich auf diversen Familienfesten die Birne voll - wann arbeitet der denn mal?

Die Frage ist durchaus berechtigt und ja, ich musste mich so langsam auch mal wieder auf meine eigentlich Funktion hier in Talca fokussieren: Rentner entertainen und Kleinkinder zum Lachen bringen.

Neben den alltäglich beliebten Aktivitäten wie Bingo, Malen oder Windeln vollkacken durfte ich diese Woche die Kindergärtnerinnen in einer Runde ihrer "Hausbesuche" begleiten. Hierbei überprüfen die "Tias" entweder Familien bereits eingeschriebener Kinder auf deren Lebensumstände, oder interviewen Aspiranten um Notwendigkeit und Seriosität sicherzustellen.

Auf unserem Plan standen 3 Familien, die ihre Kinder gerne in unseren Kindergarten stecken würden. Meistens ist hierbei der Hintergrund, dass die Mutter entweder tagsüber studieren will (im besten Fall) oder versucht, neben ihrem Mann noch eine zusätzliche Arbeit zu finden. Ich werde euch den Fall vorstellen, der mir die meisten Fragen aufgeworfen hat:

Wir gehen die Treppen hoch in's dritte Stockwerk eines Sozialwohnung-Blockes nördlich unserer Arbeitsstelle inmitten des "Las Americas Barrio" - dem ärmsten Viertel der Stadt. Eine junge Frau, nach meinen Schätzungen nicht älter als 20 Jahre, öffnet uns die Tür. Schon nach drei Schritten in die Wohnung bereiten die ersten Ungereimtheiten meinen Schaltkreisen Probleme: Die Wohnung ist top ausgestattet - neue Sessel, ein schöner Teppich auf dem ein grüner Designertisch steht, eine fette Anlage aus der leise Musik dudelt und in der Mitte des Raumes thront als Highlight ein niegel-nagel-neuer Plasma-Fernseher von Sony. Gut, denke ich mir, vielleicht gibt es einfach noch finanzielle Zuläufe von denen wir später im Interview erfahren werden.

Das Mädchen ist 22, wie alle Chileninnen habe ich sie mal wieder jünger geschätzt als sie tatsächlich ist. Die Wohnung haben sie und ihr Freund vor kurzem vom Staat zugesprochen bekommen (jede Person wird nach einem Punktesystem bewertet und kann danach für billig Geld eine Wohnung beanspruchen - in einem meiner nächsten Einträge mehr dazu!) und sie leben nun zu dritt mit ihrem 2-jährigen Sohn auf, ich schätze, knapp 50 Quadratmeter Wohnfläche. Wir starten das Interview. Sie will studieren und braucht somit dringend eine Tagesstätte, in die sie ihr Kind während ihrer Lesungen geben kann. Sie klingt sehr optimistisch und der Gesamteindruck der kleinen Familie gefällt mir - immerhin hat es der Vater doch glatt geschafft, nach 2 Jahren mit dem Kind seine Freundin immer noch nicht verlassen zu haben (was hier bei mindestens 70% der Fälle passiert).

Doch dann lässt sie die Bombe platzen: Ihr Freund, als Alleinverdiener der kleinen Familie, ist nur temporär angestellt und bekommt einen Monatslohn von knapp 230.000 Pesos (400 €). Ich verstehe die Welt nicht mehr - wie zur Hölle konnten sie sich all die kostspieligen Möbel leisten, von denen allein der Fernseher mindestens 1.000.000 $ (1600 €) kostet? Nach meinen Berechnung wäre das mindestens 1 Jahr hungern und danach sah die etwas speckige junge Frau definitiv nicht aus. Meine Kolleginnen jedoch nehmen dies zur Kenntnis als wäre überhaupt nichts passiert, während ich glucksend versuche diese Situation zu begreifen.

Der Junge wird angenommen und nach einer kurzen Verabschiedung schweife ich meinen Blick noch einmal durch die Wohnung bevor ich meine Kolleginnen sobald sich die Tür geschlossen hat sofort zur Rede stelle.

Die Erklärung ist schließlich recht einfach: Es gibt in Chile 3 große Kaufhäuser die allesamt ebenfalls ihre eigenen Kreditkarten anbieten. Mit diesen Kreditkarten, mit denen man bis knapp 2.000.000 $ ins Minus gehen kann, ziehen jene Kaufhäuser ihre Kunden in einen Sog lebenslanger Schulden-Abarbeitung. Nun, Ich übertreibe, aber 3 Jahre sind es im Normalfall immer, die ein Minimalverdiener arbeiten muss um z.B. LEBEND einen Plasma-Fernseher abzubezahlen.

Ich beginne das System zu verstehen. Fast jeder Chilene lässt sich schlussendlich von diesen Angeboten locken - die Armen bleiben arm, die noch Ärmeren werden im schlimmsten Fall noch viel ärmer. Was mir bleibt ist ein riesiges Fragezeichen, dass wie wild um die Idee des Materialismus in meinem Kopf herumschwirrt - wo führt das hin?

Un abrazo,

Niclas